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Controlling und Kunst - Anna Nöst
Controlling ist eine Sprache wie Schreiben, oder?
Anna Nöst, Leiterin Interne Organisation, Erste Stiftung
Autorin

der bauer breitet seine schürze aus. ein ei, kamillen, eine tote maus.
der bauer breitet seine blaue schürze aus. ein ei, kamillen, eine tote maus.
das hätten sie gern, hätten Sie das gern?1

Controlling und Literatur sind von der Struktur her (fast) dasselbe. Es wird jeweils Wirklichkeit in einer formalisierten Sprache mit einem bestimmten Ziel abgebildet. In beiden Welten gibt es eine Grammatik, Regeln, die nicht naturgesetzlich gegeben, sondern vom Zweck her, etwas Bestimmtes erreichen zu wollen, geformt sind, auch wenn letzterer – manche mögen ihn in der Literatur überhaupt bezweifeln - nicht an bestimmte Adressaten gerichtet, geschweige denn überhaupt direkt offenbar sein muß. Vielleicht haben sogar beide Sprachen so etwas wie goldene oder gar eiserne „Gesetze“ – wenn ein Unternehmen nicht mehr liquide ist, wenn ein Text voller persönlicher Befindlichkeiten ist, ... upps, ist da ein Unterschied? Wenn ein Unternehmen nicht mehr liquide ist, wir sprechen von der Wirklichkeit des Unternehmens, überspringen die Sprache, den Finanzstatus als Vermittlungsmedium, aber worüber sprechen wir, wenn wir über Jedermann (Hoffmansthal) sprechen, nicht auch über das Leben bzw. Sterben des reichen Mannes oder über eine bestimmte Aufführung, also einen bestimmten Bericht eine bestimmte Präsentation eines Controllers, einer Controllerin?

die 47 auf seite 16, sind Sie sicher, die 47 auf seite 16, wie passt sie zu 59 von letztem monat, die 47 auf seite 16, im vergleich dazu, die 28 auf seite 5, haben Sie, haben Sie sie geprüft, haben Sie, sind Sie, die 47 auf seite 16 verglichen mit der 59 von letzten monat ist das plausibel und wie passt das zur 48 auf seite 5? Ihre zahlen sind falsch!

Es ist eine Herausforderung, da wie dort, genau das Stück Wirklichkeit auszudrücken, das man aufzeigen möchte. Was sagen die Zahlen wem, welcher Ausschnitt aus der Wirklichkeit wird gewählt, ist das Wichtige im Blickfeld, wer kann damit etwas anfangen, ist es handlungsorientiert, ist es der erste Schritt in Richtung des Ziels? Controlling hilft den Blick schärfen und lehrt wahrnehmen. „Die Wiese ist mir Wald genug“ sagen die Ameisen2. Die Zahlen sind mir Wald genug? Lichtung ...? „licht frisst. licht frisst warm und finster. licht frisst. dunkel und finster ist es im nest und warm.“3

Der Kontext macht einen Unterschied. Auch wenn es einen Zweck geben mag, tritt dieser im Schreiben in den Hintergrund. Es ist Rückzug in einen viel, viel größeren Raum und gleichzeitig auf sich selbst. Mit dem Risiko, darin verloren zu gehen, öffnen sich unendliche Spielmöglichkeiten, mit all dem, was sich innenseitig angesammelt hat, auch mit den eigenen Un- und Zulänglichkeiten. Und auch wenn es manchmal mit Mühe verbunden ist und immer mit Disziplin, bis Wörter, geformte Sätze langsam auf das weiße Papier kriechen oder sich Zeilen oder gleich Blätter invasionsartig füllen und besetzt werden, wenn es gelingt – was immer dieses „es“ sein mag – kommt ein unglaubliches Gefühl von da zu sein, teilzuhaben, fast so etwas wie tatsächlich in der Welt zu sein, auf. Ein Augenblick der Verdinglichung von Sinn in einem Meer von Zufälligkeiten oder in den Systemen mehr oder weniger wohlgestalteter Interessensausgleiche, in denen wir täglich bewusst oder unbewusst ringen. Eine Illusion? Vielleicht. Das Heraustreten an die Öffentlichkeit ist wieder ein anderer Aspekt, da gibt es sie wieder, die Interessen, die Regeln, den Markt. Auch gut. „licht frisst nest, licht frisst warm und finster.“ Und dennoch ist der Modus ein anderer. Als Autor, als Autorin brauchen sie nichts zu erklären. Sie können, aber sie müssen nicht, das ist dann die Aufgabe von anderen. Das ist sehr luxuriös.

der bauer breitet seine blaue schürze aus, der alte bauer breitet seine blaue schürze aus, ein löwenzahn, ein loch. hat die oma wieder nicht gestopft. hast Du dieses loch wieder nicht, noch immer nicht gestopft, hast Du das loch, das loch, schon beim letzten, beim vorletzten mal waschen, hast Du gebügelt gewaschen und gebügelt und hast Du das loch noch immer nicht, schon wieder nicht gestopft. der bauer breitet seine schürze aus. Lola zieht in die stadt.

1 Sonntag nachmittag, Anna Nöst, 1999, unveröffentlicht
2 Ameisen reisen zeilenweise, Gerhild Tschachler-Nagy, Anna Nöst, Ferdinand Neumüller, Klagenfurt, Carinthia Verlag, 2000
3 ebenda, 140